Eröffnungsrede

 „SILENTIUM“

DÄMONIE und POESIE 

Das Leben, die Stille, das Grauen und der Tod – zu den Bildern von Hans Sisa  

Österreich ist ein glückliches Land. Denn es hat exzellente Künstler. Das verwundert nicht, reicht doch Österreichs kulturelle und künstlerische Bedeutung über viele Jahrhunderte zurück, haben doch große Geister und bedeutende Namen aus Literatur, Architektur,Musik und bildender  Kunst zur Zeit ihrer Hochblüten vornehmlich um 1300, 1500, dann wieder im Barock und später um 1700 und auch Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich den gesamten deutschen Sprachraum beeinflusst. Und auch das 20. Jahrhundert brachte Künstler hervor, die Österreichs hohen kulturellen und künstlerischen Stellenwert weltweit unterstreichen.

 

Hans Sisa gehört zweifellos zu diesem illustren Kreis. Ich lernte ihn vor 12, 13 Jahren kennen, das heißt, zuerst machte ich die Bekanntschaft seiner Frau Sophia Larson. Sie kontaktierte mich wegen einer Ausstellung – für ihren Mann, den Maler und Sänger Hans Sisa. Ich fand das bemerkenswert, dass eine so viel beschäftigte Künstlerin sich noch um Termine anderer Künstler kümmert. Denn Sophia Larson, ein „dramatischer Sopran“, ist praktisch in den großen Opernhäusern auf der ganzen Welt zuhause, von Bayreuth über Verona  bis New York kennt man ihre stimmgewaltige Elektra, Turandot oder Isolde. Was ich damals noch nicht wusste, aber bald entdeckte: Das Ehepaar verkörpert eine fruchtbare Symbiose in Sachen Kunst, die Musik und Malerei gleichermaßen berücksichtigt und die in erster Linie dem Publikum zugute kommt. Aber auch anderen Künstlern, denn das von Hans Sisa und Sophia Larson jedes dritte Jahr veranstaltete Malerfest auf Burg Reichenstein in Oberösterreich gibt vielen Künstlern ein Podium, um an die Öffentlichkeit zu treten.

 

Diverse Benefizveranstaltungen, wie etwa „Menschen für Menschen“ mit Karlheinz Böhm, oder auch die Präsentation „Gegen das Vergessen“ mit dem Zyklus „Entartet“ in der Stadthalle Ybbs sollen ebenfalls erwähnt werden. Die Werke von Hans SISA wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, zuletzt in Tallin, der Hauptstadt von Estland  und in den diversen Museen.

 

Beide Künstler stammen aus Oberösterreich und beide haben sich schon in jungen Jahren mit Haut und Haar der Kunst verschrieben. Einer Kunst, die in dramatischen Tönen und vielen Sprachen das Publikum weltweit in ihren Bann zieht, sich aber auch in dramatischen Farben und Formen niederschlägt: in den Bildern von Hans Sisa. Darüber möchte ich anlässlich dieser hochinteressanten Ausstellung ein paar Gedanken aussprechen. Obwohl die Bilder ja für sich selbst sprechen. Nun: Hans Sisa ist ein angenehmer, liebenswürdiger Mensch. Und da beginnt die Sache schon ambivalent zu werden. Denn Sisas Malerei ist weit entfernt von „angenehm“  oder gar „heiler Welt“ – aber  gerade dadurch ist diese Kunst der Wahrheit verpflichtet. Denn unsere Welt ist nicht heil. Sie war es nie und sie wird es nie sein.

 

Zum Teil sind Verderben und Vernichtung vorgegeben, bringen Katastrophen und allein der ganz normale Ablauf der Natur beschert der Menschheit Unheil und Tod. Doch das, was an Heilem noch übrig bleibt, scheint dem Menschen ein Dorn im Auge zu sein: Seine Zerstörungswut setzt ein. Krieg, Hunger, Elend, Vertreibung, Folter, Schmerz, Tod – der Dämon im Menschen frönt seinen grausigen Lüsten. Und damit wären wir schon bei einem der beiden Hauptthemen dieser Präsentation – die „DÄMONIE“. Hans Sisa weiß um die Existenz des Dämonischen – und er dokumentiert es in seinen Bildern. Mehr noch: Er interpretiert den Dämonen im Menschen. Die Auseinandersetzung mit dem malerischen Werk Sisas wird solchermaßen zu einem Einstieg in tiefste menschliche Abgründe.

 

In seinen expressiven Bildern manifestiert sich der Schrecken der Welt. Der Tod steht im Vordergrund, die Apokalypse ist vorprogrammiert. Das Erschreckende an diesen vom Maler sehr bewusst wiedergegebenen dunklen Tiefen des Menschseins ist, dass diese Abgründe, in die die Menschheit stürzt oder gestürzt wird,  nicht immer als Abgründe erkannt oder gewertet werden, ja, dass der Mensch – und das beweist die Geschichte – weder gewillt noch fähig ist, aus diesen dumpfen, unheilschwangeren Tiefen emporzusteigen. Denn zu Tod und Verderben, das uns praktisch in die Wiege gelegt wird, gesellen sich des Menschen Niedertracht und Zerstörungswut, gesellen sich Machthunger, Habgier und Aggression – und Dummheit. Das Gebundensein in gesellschaftlichen und politischen Konventionen, die uns von der Tradition auferlegten Zwänge, Überheblichkeit, Degeneration der Gefühle bei gleichzeitiger Steigerung der Gewaltbereitschaft und Manipulation der Massen durch Mächtige und deren Marionetten – das alles wird in Sisas Bildern zur eindrucksvollen Wiedergabe unserer Zeit.  Die sich im Übrigen in ihrer Zerstörungswut weder von der Vergangenheit, noch von der Zukunft unterscheidet. Bestenfalls sind die eingesetzten Mittel andere. Des Menschen Leben, das Sein der Menschheit, ist im Grunde ein Totentanz. Hans Sisa erzählt mit seinem expressiven, emotionsgeladenen Bildvokabular davon.

 

Die Ausstellung wird aber auch von einem zweiten Thema getragen: SILENTIUM“   -  die Stille. Auch diese Bilder haben mit dem Sein des Menschen, mit seinem Leben und vor allem mit seinem Verhalten zu tun. Wir leben in einer lauten, schnelllebigen Zeit – die Stille ist uns beinah fremd geworden . Und Fremdes macht uns Angst. Stille bedeutet Gefahr – weil wir das gewohnte Laute vermissen, scheinen unsere Sinne gelähmt zu sein. Das Unheil der Stille scheint uns zu bedrohen, wir werden hilflos, weil wir den Gegner nicht hören, nicht beschreiben können. Silentium. Stille. Auch die Stille der Nacht kann Beklommenheit erzeugen – denn in der Natur wird es still, ehe die Dunkelheit hereinbricht. Und die Dunkelheit ist wieder ist voller Dämone, die auf uns lauern, nicht sichtbar und nicht hörbar – aber vorhanden.

 

Auch Blindheit bedeutet Stille – die Dunkelheit ist deren Verbündeter. Und Taubheit heißt Stille – sie bedeutet Isolation, wenn man nicht hören, oder auch nicht gehört werden kann. Schweigen – auch das ist ein Kind der Stille, wenn man die Stimme nicht erhebt, um Unrecht aufzuzeigen. Diese Art von SILENTIUM  ist jene, die der Maler Sisa am meisten verachtet, denn er kann nicht schweigen zu allem, was geschieht. Er will und muss die Menschen aufrütteln mit seinen Bildern, will sie dazu bringen, zu denken, aus dem Kreis der Taubheit, Blindheit und Stummheit herauszutreten und die Wahrheit zu erkennen. Auch die Dämonen als solche zu erkennen, die Abgründe, die Tiefen, die falschen Versprechungen, die hier lauern. Aber es gibt auch eine positive Stille – das in sich Ruhen, das Einssein mit der Stille, die uns göttlich erscheint in ihrer Ruhe. Sie macht uns stark. Womit die bereits erwähnte Ambivalenz auch im Aufgriff eines Themas erneut offenbar wird. Und schließlich greift der Künstler auf die totale Stille zurück: Die ewige Stille des Todes. Sie ist wohl die einzige, der wir uns absolut nicht entziehen können. Wir müssen sie akzeptieren. Sie ist der Schlußpunkt, ist das Finale jenes Totentanzes, den wir Leben nennen. Womit sich der Themenkreis der Bilder dieser großartigen Ausstellung schließt.

von Prof. Gertrude Haider-Grünwald

Direktorin der Stadtgalerie Traun und Präsidentin der „Dr. Ernst Koref - Stiftung“  Linz

 

 

 

 

Abendrot